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Interview Kommandant Tobias Förster mit Südkurier

Quelle: Südkurier

Die Feuerwehr steht vor großen Veränderungen

Bürokratisierung, sinkende Bereitschaft fürs Ehrenamt, steigende Mobilität der Menschen – das macht auch vor der Feuerwehr nicht Halt und bereitet Probleme. Einer, der sich darüber Gedanken macht, ist Bad Säckingens Stadtkommandant Tobias Förster. Wie sich die Feuerwehr auf Veränderungen im Ehrenamt einstellen kann, berichtet er im großen SÜDKURIER-Interview.

 

Herr Förster, sie haben bei der Hauptversammlung der Gesamtfeuerwehr Bad Säckingen vor wenigen Tagen von einer Stärkung der hauptamtlichen Kräfte gesprochen. Sehen Sie denn Defizite? Brennt es am Ende schon bei den Freiwilligen Feuerwehren im Land?

Keineswegs. Die Feuerwehren im Ehrenamt sind landauf, landab einer der wichtigsten Pfeiler im Rettungswesen. Sie leisten alle hervorragende Arbeit.

Warum dann Ihr Vorstoß?

Wir sind im Moment flächendeckend noch gut versorgt. Ich sage bewusst: Noch. Denn ich sehe einen Trend, der in eine andere Richtung geht. Einige Stichworte sind: Bürokratisierung unserer Arbeit, sinkende Bereitschaft fürs Ehrenamt, zurückgehende Tagesverfügbarkeit. Diese Erscheinungen haben wir im Moment noch im Griff. Aber es ist als Kommandant auch meine Pflicht, mir frühzeitig Gedanken über mögliche Entwicklungen zu machen, die daraus resultieren können.

Besteht akuter Handlungsbedarf?

Noch nicht. Aber es geht dabei auch ein bisschen um das Verständnis für die Feuerwehr. Unsere Institution ist in der Öffentlichkeit zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir sind da und helfen – und das immer und zu jeder Zeit und an jedem Ort in unserem Land. Ich finde, das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, wir müssen im Gegenteil beständig daran arbeiten. Es kann nämlich sein, dass das bei den aktuellen Entwicklungen nicht ewig so bleiben wird. Das muss man ansprechen, und da darf es auch keine Denkverbote geben.

Wo sind die Probleme, die Sie auf die Feuerwehren zukommen sehen?

Einige habe ich bereits angesprochen. Das Beispiel Bürokratisierung betrifft vor allem die Kommandoebene. Nehmen wir aktuell die internationale Ausschreibung zum Kauf unseres neuen Rüstfahrzeuges. Das ist ein 50-seitiger Wälzer, den wir zusammenstellen müssen. Natürlich haben wir jederzeit Unterstützung durch die Stadt, aber es liegt in der Natur der Sache, dass sie uns da nicht alles abnehmen kann. Weitere Beispiele sind etwa Brandschutzprüfungen und Schauen, Dokumentation der Brandmeldeanlagen, steigende Anforderungen an die Ausbildung, Feuerwehrhaushalt, Einsatzberichte, Repräsentationstermine, Abrechnungswesen, Kontrolle von Gesundheitszeugnissen und Führerscheinen, die ganze Personalverwaltung eben – wir sind ja rund 250 Leute. Das nur mal als Einblick in eine nach oben offene Liste, die weiter wachsen wird.

Sie haben in diesem Zusammenhang die Idee eines hauptamtlichen Raumschaftskommandanten erwähnt. Können Sie das näher beschrieben?

Lassen Sie mich nochmal klarstellen: Solange das jetzige System funktioniert, besteht überhaupt kein Grund etwas zu ändern. Aber: Wenn die Belastungen für die Führungen weiter ansteigen, werden wir irgendwann Feuerwehren haben, die keinen Kommandanten mehr finden. Und deshalb müssen wir frühzeitig darüber reden. Als Möglichkeit sehe ich da prinzipiell das Amt eines hauptamtlichen Kommandanten, den sich vielleicht zwei oder drei nebeneinanderliegende Gemeinden teilen und gemeinsam finanzieren. Bestimmte Formen der Zusammenarbeit sind doch heute schon Realität. Nehmen Sie uns als Beispiel: Wir pflegen mit unseren Nachbarwehren aus Wehr, Rickenbach, Murg, Laufenburg und auch mit der H.C.Starck-Feuerwehr freundschaftliches Einvernehmen. Wir haben eine enge Kooperation und im Zuge der Überlandhilfe auch oft gemeinsame Einsätze. Wissen Sie, die Zeiten der Eigenbrödlerei sind vorbei, als eine Feuerwehr die andere heimgeschickt hat mit den Worten: „Das ist unser Brand“.

Sehen Sie allgemein bei der Feuerwehr eine Entwicklung zu zentraleren Formen?

Der Gedanke eines von mehreren Gemeinden finanzierten Kommandos ist das eine, ich denke aber, das muss auch durch gemeinsame Feuerwehrsachbearbeiter in der Verwaltung der Kommunen flankiert werden. Die meisten Gemeinden haben auch heute schon hauptamtliche Kräfte. Bad Säckingen zum Beispiel hat rechnerisch 1,5 Stellen für den Posten des Gerätewartes und 0,5 Stellen für den Feuerwehrsachbearbeiter. Solche Strukturen könnte man interkommunal bündeln.

Ist auch die Zentralisierung von noch selbständigen Wehren ein Thema?

Sicherlich. Wir sehen ja, dass etwa die Zusammenlegung von Abteilungen immer häufiger vorkommen. Das zeigen Zusammenschlüsse in Laufenburg, Murg oder beispielsweise auch in Rickenbach. Zentralisierung ist eine Entwicklung, die nicht zu leugnen ist. Das liegt auch an der sinkenden Bereitschaft, ehrenamtlich in der Feuerwehr Dienst zu tun. In den letzten Jahren haben wir im Kreis Waldshut rückläufige Zahlen. Gleichzeitig wachsen aber die Anforderungen. Das bedeutet: Immer weniger Leute machen immer mehr Arbeit.

Sie haben vorhin noch ein weiteres Problem angesprochen: die sinkenden Tagesbereitschaft

Die Menschen sind heute beruflich extrem flexibel. Für die Feuerwehr ist das ein Problem. Denn Berufspendler sind tagsüber nicht an ihrem Wohnort. Damit haben gerade kleinere Gemeinden oft Schwierigkeiten, die nötigen Einsatzkräfte zusammenzukriegen. Über solche Sachen müssen wir nachdenken.

Zentralisierung, Professionalisierung. Wird die Feuerwehr in 20 Jahren anders aussehen als heute?

Ich bin mir sicher, dass es auch in 20 Jahren noch Feuerwehren gibt, die dank der hohen ehrenamtlichen Bereitschaft vor Ort noch genauso gut funktionieren wie heute. Aber ich bezweifle, dass das noch so flächendeckend sein wird, wie das heute der Fall ist. Blicken wir mal über unseren Zaun: Wir haben schon heute in Schleswig-Holstein oder in Niedersachsen Gemeinden, die keine freiwillige Feuerwehr stellen können. Mir ist es wichtig, dass uns die äußeren Umstände nicht irgendwann zum Handeln zwingen, sondern dass wir uns bereits jetzt darüber Gedanken machen.

Fragen: Andreas Gerber

Zur Person

Tobias Förster ist 38 Jahre alt. Stadtkommandant ist er seit 2015. Er betreibt mit der RMC Remacon GmbH eine eigenes Unternehmen. RMC produziert technische Kohlenstoffe für verschiedene technologische und industrielle Anwendungen.

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